Warum erklärt Mauern. Wie findet die Tür.

Montag, 18. Juni 2012

Von Veit Lindau.

Warum?

Hattest du auch schon einmal ein mächtiges Problem und wolltest unbedingt wissen: „Warum?!“

Wenn uns etwas Essentielles fehlt und wir leiden, dann beißt sich der Geist schnell an der Frage fest: „Warum ist das so?“ Wir wollen verstehen, warum wir unglücklich sind. Wir suchen einen Grund. Dahinter steht die Hoffnung: „Wenn ich die wirkliche Ursache entdecke, dann löst sich mein Problem.“

Vor 25 Jahren begann ich, bewusst zu realisieren, dass ich einige Probleme an der Backe hatte. Ich verschliss jede wichtige Beziehung im Zorn. Ich erlebte mich als ein unglückliches Bündel angespannter Emotionen und vieler offener Lebensfragen. Vor allem konnte ich mit mir selbst nichts anfangen. Hinter meiner oft zur Schau getragenen Arroganz verbarg sich eine tiefe Wunde der Selbstablehnung.

Zu realisieren, dass das Problem tatsächlich in mir war und nicht in den Menschen um mich herum, war ein Riesenfortschritt. Doch das befreite mich nicht von einem Schmerz. Also begann ich Ursachenforschung zu betreiben.

„Veit Lindau, willkommen im psychospirituellen Wunderland der tausend Antworten.“

Hier eine Auswahl dessen, was ich herausfand. Vielleicht kommt dir ja so manche Station vertraut vor.

1. Ich war unglücklich, weil meine Eltern mich nicht genug gehalten, gestillt, verstanden, geliebt und anerkannt hatten.

Zugegebenermaßen kein besonders origineller Klassiker. Doch ich empfehle jedem Neuling hier mit der Ursachenforschung anzufangen. Da deine Eltern Menschen waren (Oder????), waren sie nicht perfekt. Du wirst hier also auf jeden Fall fündig. In meinen Fall war es etwas schwieriger, denn meine Erzeuger hatten nur den üblichen Bockmist verzapft. Das reichte nicht aus, um den Schweregrad meiner Neurosen zu erklären. In diesem Fall empfehle ich dir, einen misstrauischen Psychoanalytiker heranzuziehen. Er kann dir helfen, selbst die harmloseste Situation deiner Kindheit in ein hochkomplexes Drama (z.B. „Ödipus“) mit mehreren ineinander verflochtenen Handlungs- und Gefühlssträngen (Sextrieb, Todessehnsucht, Ich, Es, Überich, Projektion, Gegenprojektion,…) zu verwandeln. Am Ende, so ging es mir, hast du zwar immer noch keine eindeutige Antwort auf deine Frage nach dem „Warum?“, doch du wunderst dich, dass du diese neurotische Hölle überhaupt überlebt hast.

Nachdem ich meine Kindheit therapeutisch-analytisch intensiv ausgequetscht und viele zornige, traurige, epische, vergebende Briefe an meine armen Eltern geschrieben hatte (Sie wollten irgendwann meine Briefe gar nicht mehr öffnen.), musste ich leider feststellen: Das Problem war immer noch da. Leben tat immer noch weh.

Also hieß es, mit Hilfe von Trancereisen, bewusstseinserweiternden Substanzen und Schamanen auf dem Zeitstrahl der Ursachenforschung weiter zurückzureisen. Ich kürze hier etwas ab.

Ich teile nur die besten „Warums?“ mit dir:

2. Geburt nicht optimal gelaufen. Klingt harmlos, aber daraus kann man viel machen. Forsche nach. Lass dich nicht mit der erstbesten Version abspeisen. Irgendetwas ist auch bei dir ganz sicher schief gelaufen: Eine Nabelschnur um den Hals, mit der Zange rausgezogen, nicht gleich von der richtigen Person in den Arm genommen oder gleich in den Brutkasten,… Hier, rund um deine Geburt und die Zeiten der Schwangerschaft findest du viele gute Gründe, die plausibel erklären, warum du deine Probleme hast.

Irgendwann ist dein bisheriges Leben natürlich ausanalysiert und du beginnst zu ahnen, das kann es nicht gewesen sein. Hier musst du dich entscheiden. Es gibt mehrere gute Richtungen (Da ich es wirklich wissen wollte, habe ich alle ausprobiert.).

3. Du gehst auf deinem eigenen Zeitstrang zurück und untersuchst deine letzten Leben mit Hilfe der Reinkarnationstherapie. Dieses Unterfangen ist heikel. Natürlich, wenn du Glück hast, warst du einer der schätzungsweise 5 Millionen Pharaonen, die es gegeben haben muss (Alle meine Freunde waren Pharaonen.). Du kannst aber auch Pech haben. Dann geht es dir wie mir. Ich war in meinem letzten Leben ein alkoholsüchtiger Bergarbeiter, Waise, der am Tiefpunkt seines traurigen Lebens, mit 40, sturzbesoffen bei einem Grubenunglück umkam. Danach war ich noch frustrierter und konnte mich noch weniger leiden.

4. Du kannst dich aber auch im Familienaufstellen deinen Ahnen zuwenden. Ich kenne Menschen, die gehen jedes Wochenende zum Familenaufstellen wie andere zum Picknick in den Park. Wenn du erst einmal erkannt hast, wie sehr dieses eine Erlebnis, deines Urgroßvaters, (damals, bei der Apfelernte 1907, als er von der Leiter fiel) deine Beziehungsprobleme heute beeinflusst, dann bist du auf eine Goldgrube der Gründe gestoßen. Denn wie viele dir nicht einmal bekannte Urahnen hast du noch? Also, auf zum nächsten Wochenende.

Für die anspruchsvolleren Ursachenforscher noch ein paar schillernde Varianten:

5. Die Astrologie. Pluto und Mars sind schuld. Sie standen einfach falsch am Himmel, als du geboren wurdest. Nachteil: Sehr komplexe Geschichte. Vorteil: Auf astrologischen Gründen kannst du dich dein ganzes Leben lang ausruhen, denn wer legt sich schon mit dem Universum an?

6. Adam und Eva. Wenn die sich damals im Paradies zusammengerissen hätten, müssten wir es jetzt nicht ausbaden.

7. Deine Chakren. Prognose: Ein Stau in der Sushumna führt zum Druckanstieg in Ida und Pingala, welcher wiederum zur Blockade im Herzchakra und den leichten Linksdrall deines Halschakras führt.

8. Dein Guru erklärt dir einleuchtend, dass nur dein Ego an allem schuld ist. Kein Ego, kein Problem. Jetzt musst du es nur noch finden, um es töten zu können.

9. Die Anderen sind schuld. Du kennst doch „die Anderen“? Das sind immer die, die in deinem Leben die Macht darüber haben, ob du glücklich bist. Das sind die, mit denen du dich in Gedanken mehr beschäftigst, als dir selbst: dein Beziehungspartner, Freunde, Kinder, Politiker,… Jeder eignet sich dazu. Hauptsache nicht du. Denn solange sich die Ursache für dein Problem im Garten eines anderen Menschen befindet, musst du nichts ändern.

10. Bitte setze die Liste mit deinen weiteren Ausflügen in die Ursachenforschung fort.

Bevor jetzt ein Sturm der Entrüstung aller im therapeutischen Bereich tätigen Menschen über mir hereinbricht: Nein, ich mache mich nicht über ernsthafte Therapien lustig. Ich erlaube mir, schmunzelnd die Stilblüten zu beschreiben, die unsere zwanghafte Beschäftigung mit dem „Warum?“ in unserer Wohlstandskultur angenommen hat. Doch vor allem möchte ich dir gern eine Frage stellen:

Hat die Antwort auf „Warum?“ je ein Problem zufriedenstellend für dich gelöst?

Hat dich die Antwort auf „Warum?“ je wirklich erfüllt?

Das Jahrzehnt meiner „Warum“-Suche hat mir folgende Erkenntnisse geschenkt:

  1. Ein gutes Warum gibt mir das Gefühl, mein Problem macht Sinn. In dem ich glaube, es besser zu verstehen, kann ich es leichter akzeptieren. Diese Annahme führt tatsächlich oft zur momentanen Entspannung des Problems.
  2. Jedes plausible Warum hat unsichtbare Widerhaken, an denen sich das Problem weiterhin festhält. Indem ich jetzt „weiß“, warum ich das Problem habe, manifestiere ich es noch mehr in meinem Leben.
  3. Ein Warum entmächtigt mich subtil. Es verlagert die Ursache für mein Problem auf einen externen Grund, meist auch noch in der Vergangenheit. So lenke ich mich von der Möglichkeit meiner Potentialentfaltung, hier und jetzt, ab.
  4. Jedes Warum ist eine Illusion. Unter jeder noch so logischen Erklärung wartet eine noch bessere Erklärung und darunter… Kausales Denken (Lineares Ursache-Wirkung denken.) ist eine nette Eigenart unseres Verstandes. Sie schenkt uns temporäre Erfahrungen von Sicherheit und Kontrolle. („Ah, das habe ich jetzt verstanden.“) Doch Leben ist nicht linear. Es ist komplex, multidimensional. Spätestens wenn du dir die Konzepte der Zeitkrümmung im Weltall reingezogen hast, weißt du, dass, wenn überhaupt, alles alles bedingt. Es gibt keine eindeutig benennbare Ursache für dein Problem.
  5. Die Antwort auf die Frage „Warum“ hat mich nie erfüllt. Sie hat mir vielleicht erklärt, warum ich nicht habe, was ich will. Doch sie hat mich nie dem näher gebracht, was ich mir wünsche.

Vielleicht muss jeder von uns so lange nach dem Warum fragen, bis er müde ist. Ich wünsche dir, dass du diesen Punkt bereits erreicht hast. Mein Leben begann erst dann wirklich Spaß zu machen, als ich vom „Warum?“- zum „Was und wie?“-Frager mutierte. Nach zehn Jahren intensivster Warum-Grundlagenforschung stand ich da – mit meiner langen Liste von logischen Gründen für mein Leid – und… ich litt immer noch.

Also verbrannte ich die Liste und stellte mir zwei neue Fragen:

„Veit, was willst du wirklich?“

„Wie kannst du bekommen, was du wirklich willst?“

Und siehe da, das Universum antwortete.

Seitdem weiß ich: Wir sind wirklich nicht allein. Leben liebt uns. Leben dient uns.

Wir bekommen immer eine Antwort.

Welche, das entscheidet die Qualität unserer Frage.

……………………..

Das nächste Seminar mit Veit Lindau: “Die Intelligenz der Liebe”. Summercelebration.


 

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