Von Hirnwichserei und wirklichem Leben

Freitag, 23. Juli 2010

 

Veit Lindau, 23.07.2010

Veit Lindau in Höchstform

Wir leben in interessanten Zeiten.
(Aha. Was für ein tiefschürfender Einstieg, Herr Lindau!)

Auf uns kommen noch spannendere Zeiten zu.
(Wow! Es wird immer besser.)

Nein, mal im Ernst. Wir erleben gerade ein exponentielles Wachstum der Informationsflut, die jeder von uns tagtäglich zu verdauen hat. Das sieht ungefähr so aus…



Kurve des Informationswachstums

Kurve des Informationswachstums

Drei Beispiele:

 

  1. Im Jahr 200 vor Christus umfasste die weltbekannte Bibliothek von Alexandria ca. 700.000 Buchrollen. Heute, rund 2.200 Jahre später, besteht die größte Wissenssammlung der Welt, die Kongressbibliothek in Washington, D.C., aus mehr als 112 Millionen Büchern, verteilt auf Regalbrettern von 857 Kilometer Länge. Heißt das, wir wissen wirklich 1000mal mehr als unserer Vorfahren?
  2. Zwischen 1800 und 1900 hat sich das Wissen der Menschheit verdoppelt. Zwischen 1900 und 2000 verzehnfacht. Alle vier Minuten gibt es heute eine neue medizinische Erkenntnis, alle drei Minuten wird ein neuer physikalischer Zusammenhang gefunden, jede Minute eine neue chemische Formel. Heißt das, wir sind in den letzten zehn Jahren zehnmal schlauer geworden?
  3. Facebook, das mittlerweile größte Netzwerk der Welt, existiert erst seit 6 Jahren und hat doch vor kurzem die Halbe-Milliarde-Mitglieder-Marke geknackt. 500 Millionen Mitglieder. Ich habe heute Morgen 250 „Freunde“ bei Facebook. Heißt das, wir haben heute wirklich mehr Freunde als vor sechs Jahren?

In einer Inkarnation vor 2000 Jahren war für uns der Zugang zu Erkenntnis eine jahrelange, mühsame, oft lebensgefährliche Initiation. Heute surfen wir 20 Minuten bei Amazon.com, um die gesammelten Perlen der Weisheit zu finden und dann braucht es einen Klick, um sie uns an die Haustür liefern zu lassen. (Auf meinem Bücherregal habe ich Hausaufgaben für meine nächsten 20 Inkarnationen stehen.)

Ich bin kein Retroromantiker, der denkt: “Früher war alles besser.” Die Dinge sind jetzt, wie sie jetzt sind und wir dürfen damit umgehen lernen. Heute Morgen stelle ich mir und vielleicht auch dir lediglich einige Fragen. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber meine Entwicklungs- und Lernkurve sieht etwas anders aus, als die exponentielle Explosion des Wissens. Gefühlt, etwa so…



erfolg erleuchtung kurve

Du ahnst sicher, auf was ich hinaus will. Auf den doch ziemlich entscheidenden Unterschied zwischen angehäufter Information und wirklicher Integration.

Der Verstand ist ein faszinierendes Instrument der Erkenntnis.
Der Verstand ist auch ein erschreckend-faszinierender Baumeister der Illusion.

Er liest ein Buch über Glück (oder Erfolg oder Erleuchtung oder…) und erzählt sich selbst noch vor dem letzten Kapitel: „Okay, das haben wir jetzt verstanden. Was lesen wir als nächstes?“ Das ist Mindfucking im wörtlichen Sinne.

Warnung! Die Feinsinnigen mögen den nächsten Abschnitt bitte überspringen.

Er handelt von mentaler Masturbation oder auch salopp Hirnwichserei. Der Verstand liebt es, sich selbst am Rausch seiner eigenen schlauen Ideen zu befriedigen. Er holt sich mit seinen Geistesblitzen regelrecht einen runter. Er wedelt sich einen von der Großhirnrinde. (Ähhem, fällt dir noch ein guter Vergleich ein?) Verstehe mich nicht falsch: Ich habe überhaupt nichts gegen würdevolle Selbstbefriedigung. Sie ist gesund und entspannt. Aber… wenn wir beim Masturbieren hängen bleiben, verpassen wir den eigentlichen Sex.

Dann verwechseln wir intellektuelle Erleuchtung mit integraler Erleuchtung.

Intellektuelle Erleuchtung bedeutet, ein Konzept, welches wir gerade hören oder lesen, in einen sinnvollen Zusammenhang mit unserer inneren Landkarte an Überzeugungen zu stellen. „Ah, das macht Sinn! Ah, das verstehe ich. Ah, so kann man das also auch sehen.“ Optimal wird unsere Landkarte dabei nicht nur bestätigt, sondern auch erweitert.

Integrale Erleuchtung hingegen erfasst alle Ebenen und Bereiche unseres Lebens. Wir erlauben der Erkenntnis vom Kopf, über das Herz bis in die Fußspitzen zu sickern.
Vom Geist in den Körper.
Vom Buch in den Alltag.
Vom Ich in das Wir.
Von der Idee in die Umsetzung.
Vom Licht in den Schatten.

Ein von uns gelesenes Buch über die Liebe ist nur dann wirklich etwas wert, wenn die Liebe bei unseren Kindern, Kollegen und Frau Merkel ankommt.

Doch hier ist der Haken:

Damit sich intellektuelle Erleuchtung in integrale Erleuchtung wandeln kann, braucht es Raum, Zeit und Aufmerksamkeit.

Und wer von uns nimmt sich noch Raum, Zeit und Aufmerksamkeit?

Hier an der Stelle muss ich etwas gestehen:

Es gibt keinen Menschen in meinem Leben, den ich häufiger und intensiver gehasst habe, als mein Weib Andrea.

Warum? Nun, damals dachte ich natürlich, weil sie Schuld hat. Heute weiß ich es besser. Ich habe mein Weib gehasst, weil sie der inkarnierte Prüf-Felsen meiner Hirnergüsse war und ist.

Wie oft hat sie mir einen intellektuellen Coitus Interruptus verpasst – mit so unangenehmen, unsensiblen Fragen wie: „Veit, das klang ja eben ganz toll, was du deinen Seminarteilnehmern erklärt hast. Willst du das nicht gleich mal in unserer Ehe praktizieren?“

Ist es nicht das, was wir an unseren realen Beziehungen manchmal so hassen?
Dass sie sich nicht einfach weckklicken lassen, wenn es weh tut.
Dass sie uns zeigen, wo wir in unserer integralen Reifung wirklich stehen.
Dass sie aus den Wolken der erdachten Erleuchtung herunterholen in den Wirklichkeitstest.

Jeder von hat sie – die integralen Prüfer seiner Reifung.
Es sind unsere Kinder.
Unsere Eltern.
Unsere Kollegen.
Nicht zu vergessen, die heiß geliebte Steuerabrechnung.

Mal ganz ehrlich, wie oft fühlen wir uns von diesen Zen-Meistern ausgebremst, weil sie uns Fragen stellen, die mehr Zeit für die Beantwortung brauchen als ein Klick bei Facebook?
Wie oft lehnen wir diese integralen Prüfer ab, weil sie uns hartnäckig an unseren noch nicht integrierten Schatten erinnern?

Wie wäre es, sie zu ehren?
Zum Beispiel, weil sie dafür sorgen, dass wir nicht in die geistige Schizophrenie abdriften.
Dass der Spalt zwischen intellektueller Information und wirklich erfahrener Reifung nicht zu groß wird.

Wofür ich meinem Weib zutiefst dankbar bin:
Sie hat mich herausgefordert, aus meinen Fantasien auszusteigen und in den wirklichen Kontakt zu gehen. Im Sex und im Leben überhaupt.
Das kann zu Beginn eine ziemlich erschreckende Erfahrung sein.

Ohne Fantasien sind wir nackt.

Seelennackt.

Und es wird plötzlich sehr nüchtern.

Und dann wird es still.

Das ist gut.
……………………
Face Book is good.
Face Life is much better.

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Ich wünsche dir für heute ein paar fetzige, konkrete, berührende Kontakte.

Lets get real!

Dein Veit

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PS: Unser nächste Wirklichkeitstest. Die Summer-Celebration.

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