Von Größe und von Sternenstaub – Teil II

Montag, 26. Juli 2010

 

Im Teil I dieses Artikels sprachen wir darüber, dass integral zu leben bedeutet, die Paradoxien des Lebens nicht nur zu billigen, sondern sie sogar zu genießen und ihre Synthese zu leben.

Zum Beispiel das Paradox unserer gleichzeitigen Größe und Winzigkeit.

Im Teil II möchte ich dir nun eine Perspektive vorschlagen, die dir helfen kann, dein Leben gelassener, demütiger und evtl. sogar humorvoll anzugehen.

Das menschliche Ego neigt seiner Natur gemäß zu Egozentrik. Egozentrik stellt “mich” in den Mittelpunkt meines Lebens. Alles andere kreist darum. Aus der Wahrnehmungspsychologie wissen wir, dass etwas immer größer wird, je mehr wir uns darauf konzentrieren.

Egozentrik funktioniert also wie ein vergrößernder Zerrspiegel. Je mehr ich mich auf “mich & meine” konzentriere, desto größer erscheinen mir meine Heldentaten, meine Fehler, meine Speckröllchen, meine Nase, meine Bedürfnisse und meine Probleme. Je nach Veranlagung führt Egozentrik deshalb zu angespannter Bedeutsamkeit, nervender Selbstverliebtheit, unerträglichem Selbsthass, unstillbarer Bedürftigkeit  oder überdimensional groß erscheinenden Problemen.

Nix gegen einen Schuss gesunder Egozentrik einzuwenden. Sich mal das letzte Stück Kuchen auf dem Tisch gierig wegzuschnappen, macht Spaß und befriedigt alte Instinkte. Doch wenn wir uns in der Perspektive unserer Wichtigkeit verlieren, wird alles zum Krampf. Wir erzeugen Leid – für uns und für andere. Also was hilft uns da raus?

 

Mein Tipp: Die Sternenstaub-Meditation

Wenn du das nächste Mal im Ego und seinen gigantischen Problemen verkrampfst, probiere doch mal die Sternenstaub-Meditation aus. Und so geht sie…

Schritt 1: Nimm dir Zeit und visualisiere dein Problem. Lass es so richtig groooooß und schweeeeer werden.

Ego Problem Schwer Lösung Erfolg

Ja, genau so groß! Gut gemacht.


Schritt 2: Nun stell dir vor, du fährst in einem Fahrstuhl etwas nach oben und schaust von hier auf dein Problem.


Stell dir 7 Milliarden Menschen zeitgleich mit dir auf diesem Planeten vor. Die Lichter in ihren Zimmern. Wie sie geboren werden. Wie sie wachsen. Wie sie kämpfen, genießen, leiden, forschen – wie sie ihren Weg suchen, um glücklich zu sein – genau wie du und ich. Ihre Fragen, ihre Wünsche… Denk für einen Augenblick an all die Menschen, die in deinem Leben bereits gestorben sind.

Dann schnipp jetzt einmal mit deinen Fingern.

5 Babys geboren. 3 Menschen gestorben.

Schnipp noch einmal. 5 Babys geboren. 3 Menschen gestorben.

Wie groß ist dein Problem jetzt?

 

Schritt 3: Fahre noch ein wenig höher im Fahrstuhl deiner Perspektive.

Jetzt stell dir alle Menschen vor, die bereits über diesen Planeten wanderten. Man schätzt, dass es seit 50.000 vor Christus ungefähr 106 Milliarden gewesen sind.



Wie groß ist dein Problem jetzt noch?


Schritt 4: Zoom dich noch ein wenig weiter hinaus. Stell dir die Erde in unserem Sonnensystem vor.

Ihr Größenverhältnis zur Sonne ist ungefähr so…

Wie groß ist dein Problem jetzt noch? Nicht aus den Augen verlieren… :-)

 

Schritt 5: Unsere Mlichstraße.

Wusstest du, dass unsere riesige Sonne ein sogenannter Zwergstern in einer unermesslich großen Galaxie ist? Unsere Milchstraße ist eine flache Scheibe  mit einem Durchmesser von etwa 100.000 Lichtjahren  und einer Dicke von ungefähr 16.000 – 30.000 Lichtjahren (je weiter außen, desto dünner). Man nimmt etwa 100 Milliarden Sterne an. Kannst du die Sonne noch erkennen?


Wie groß ist dein Problem jetzt noch?


Schritt 6: Unsere Milchstraße ist nur eine von vielen Galaxien.

Die genaue Zahl der Galaxien in unserem Universum kennt niemand. Wir können nur abschätzen, dass ihre Anzahl möglicherweise bis zu 1 Billion beträgt. Realistisch geht man heute aber von etwa 500 Milliarden aus. Man weiß es deshalb nicht genau, weil man nicht alle sehen oder fotografieren kann. Auch das Hubble- Teleskop hat längst noch nicht alle entdeckt, aber es werden fast täglich mehr. Hier ist ein kleiner Ausschnitt…

Nein, das sind keine Sterne. Das sind alles Galaxien.

Wusstest du übrigens, dass das Universum ca. 17,7 Milliarden Jahre alt ist?



Und weil es so schön ist: So sieht es aus, wenn ein Riesenstern geboren wird…

 

Wie groß ist dein Problem aus dieser Perspektive?

Wie wichtig sind wir aus dieser Perspektive?

Dieser Blickwinkel ist eine Einladung, das Leben entspannter, achtsamer und stiller anzugehen. Unser Leben ist eine flüchtige, eine sehr flüchtige Struktur – zusammengesetzt aus  Sternenstaub. Morgen wird niemand in diesem Universum mehr wissen, dass es dich und mich gegeben hat. Kein Echo, keine Spur, keine Erinnerung.

Wenn dich diese Sicht traurig macht, hast du noch irgendwo in deinem Leben auf eine Burg aus Sand gebaut.

Wenn dich diese Sicht beängstigt, dann deshalb, weil du dich mit etwas identifiziert hast, was sterben wird.

Wenn diese Sicht den Sinn deiner Bestrebungen erschüttert, ist dies gut so.

Wirklich Sinn macht nur etwas, was angesichts deiner Bedeutung und angesichts deiner Bedeutungslosigkeit immer noch Sinn ergibt.

Blende es nicht aus. Forsche weiter.

Bis du Antworten findest, die deiner wahren Größe und deiner wahren Nichtigkeit gerecht werden.

Antworten, die dich für die Bedeutung dieses Augenblicks und die unberührte Stille der Ewigkeit öffnen.

Die Kunst eines gut gelebten Lebens liegt darin, nicht in irgendeiner der Perspektiven einzuschlafen, sondern mit allen zu tanzen.

Den Augenblick zu kosten, als wäre es unser letzter und als hätten wir noch ewig Zeit.


Mit herzlichen, unbedeutenden Grüßen,

Dein Veit

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