Rebellen des Geistes
Sonntag, 18. Juli 2010Veit Lindau, 18.07.2010
Schon mal ein Verschwörungsbuch gelesen?
Über Illuminatis, böse Bänker oder Außerirdische, die die Weltherrschaft an sich reißen wollen? Ganz schön abgefahren bis paranoid solche Vorstellungen, doch nichts gegen das, was ich heute mit dir teilen will. In unserer Gesellschaft gibt es tatsächlich eine viel mächtigere Verschwörung und es ist allerhöchste Zeit, sie aufzudecken.
Sie ist schwer, sehr schwer zu greifen, denn sie hat sich ein freundliches und wohlwollendes Gesicht zugelegt. Sie wird von Millionen von Menschen unbewusst unterstützt, finanziert und fortgepflanzt. Sie wirkt in unseren Kleinfamilien, an den Stammtischen, den Schulen, bis in die Politik hinein. Sie hat Einfluss auf alles. Auf unser Denken, unsere Kommunikation, unsere Handlungen. Sie ist so weit verbreitet, dass sie normal geworden ist.
Etwas, was Norm ist, wird nicht mehr hinterfragt. Es ist bereits so sehr mit dem Hintergrund der Kultur verwoben, dass es nicht mehr auffällt. Doch wenn wir diese Verschwörung nicht bald aufdecken und zerschlagen, kommen wir aus dem Schlamassel, das wir auf diesem Planeten angerichtet haben, nicht mehr heraus. Ich meine…
Die Verschwörung des Mittelmaßes
Mittelmaß bedeutet, dein wundervolles Leben gegen eine banale Geschichte einzutauschen.
Mittelmaß hindert dich daran, die Möglichkeiten deines menschlichen Seins zu erweitern, sondern gebietet dir, dich mit dem zu begnügen, was du hast.
Mittelmaß versagt dir, kreativ, frei, frech, groß und für dich selbst überraschend zu denken. Stattdessen verdaust du einfach wieder und wieder die bereits vorgekauten Gedanken der Gesellschaft, deiner Eltern oder deines Gurus.
Mittelmaß bedeutet, das Abenteuer des Lebens zu vermeiden und stattdessen auf Nummer sicher zu gehen. Du tust so, als würdest du am Leben teilnehmen, aber in Wirklichkeit verharrst du in der sicheren Komfort-Zone.
Als Verschwörer des Mittelmaßes vermeidest du präzise, dich wirklich anturnende Ziele und hast nur vage Ahnungen von deiner Gegenwart und Zukunft.
Mittelmaßler sind zwanghaft mit dem Leben anderer Menschen beschäftigt. Sie sind süchtig danach, andere Menschen zu beurteilen. Sie spielen leidenschaftlich gern Opfer und suchen nach jemandem, der ihnen sagt, wo es langgeht. Den können sie dann bewundern bzw. verdammen.
Ihr Leben läuft in Wiederholungsschlaufen ab. Denn jeder Ausbruch aus der Routine bedeutet unnötiges Risiko. Deshalb können sie auch nur schwer etwas abschließen und schieben Vorhaben gern vor sich her. Denn unvollendete Kreisläufe blockieren unsere Evolution.
Sie benutzen ihre Beziehungen, um sich zu verstecken und sich gegenseitig kleinzuhalten. Sie spielen gern „Der Blinde führt den Lahmen im Kreis herum.“ Sie unterstützen die Süchte der anderen – bewusst oder unbewusst – denn Süchte bedeuten Kontrolle.
Sie haben schreckliche Angst vor Veränderungen. Sie schwimmen nicht im Fluss des Lebens mit, sondern krallen sich am Rand fest. Jede Krise wird als Bedrohung betrachtet. Sie benutzen Worte wie „Nullwachstum und konjunkturbedingte Erholung“, um sich einzureden, dass ihre heile Welt noch existiert.
Sie verwenden Worte wie Bescheidenheit und Vernunft, um ihre Angst vor dem Leben zu verschleiern. Sie haben Angst vor Fehlern, vor Sichtbarkeit, vor Ablehnung und vor Enttäuschung. Sie verzichten lieber auf Ekstase, wenn es ihnen hilft, so auch intensiven Schmerz zu vermeiden.
Sie leiden unter niedrigem Selbstbewusstsein, denn sie wissen nicht, wer sie sind.
Sie hassen Paradoxien. Denn jedes Paradox erinnert sie daran, dass sie das Leben nicht in kleine Schachteln packen und einfrieren können.
Obwohl sie sich selbst nie getraut haben, nach Exzellenz zu streben, urteilen sie über jene, die es wenigstens versucht haben.
Bunte Vögel, selbstbewusstes Auftreten, kühne Visionen, lautes Lachen, großkotzige Amerikaner, chaotische Italiener, Lust und Sex, wilde und mutige Handlungen,… all das drückt ihnen so die Knöpfe. Ihr Neid zerfrisst sie, doch sie verstecken ihn hinter „kompetenten“ Urteilen und wohlmeinenden Ratschlägen. Sie empfinden Schadenfreude, wenn jemand anderes zum Flug ansetzt und versagt.
Besonders gruselig ist Mittelmaß in Kombination mit spirituellen Dogmen. Denn nun wird Gott oder eine andere absolute Wahrheit missbraucht, um die eigene Feigheit vor dem Leben zu rechtfertigen.
Da Mittelmaßler nie wirklich versucht haben, herauszufinden, wer und was sie alles sind, fürchten sie sich vor sich selbst und letztendlich vor allem, was unbekannt ist.
Sie leben nicht wirklich, sondern warten auf das Ende.
Da sie so viel ungelebtes Leben in sich tragen, fürchten sie sich vor dem Tod.
Vieles von dem, was sie tun, dient dazu, die Angst vor dem Tod zu vermeiden.
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Ich weiß, dass klingt deprimierend,…
…doch es gibt auch gute Nachrichten.
Es gibt Gerüchte über eine Untergrundbewegung seit Anbeginn aller Zeiten…
…die Rebellen des Geistes.
Die Rebellen des Geistes leben im Wissen um das Wunder.
Sie sehen in jedem einzelnen Tag die Chance für ein weiteres Abenteuer, eine weitere Grenzüberschreitung.
Sie treten voller Passion an den Rand des Bekannten und darüber hinaus. Lustvoll zerstören sie wieder und wieder ihre eigenen Konzepte.
Sie bejahen die Fähigkeit ihres Geistes, durch eine großartige Idee die Landkarte ihrer Wirklichkeit zu erweitern. Sie empfinden Lust und Freude, wenn ihr Geist von einem neuen Wort, einer überraschenden Frage, einer ungewöhnlichen Überlegung befruchtet wird.
Pessimismus ist ein Luxus, den sie sich nicht leisten können. Denn dafür wissen sie einfach zu wenig.
Sie kultivieren auch die Fähigkeit ihres Geistes, still zu werden und zu staunen. Sie lieben den bewussten und lauschenden Zustand des Nichtwissens und den Rest der Zeit widmen sie den leuchtend-klaren Visionen ihres Herzens.
Sie lieben die Sille und sie stehen gern im Rampenlicht des Spielfeldes. Denn hier tobt der Bär und hier können sie am besten dienen. Ablehnung, Neid, Kritik, Meckern, Schadenfreude … von den Zuschauerrängen … manchmal dringt es durch und mag auch schmerzen … doch meistens ist das Spiel selbst viel zu spannend.
Sie widmen ihre Beziehungen der größten, im Augenblick verfügbaren Version ihres Menschseins und… sie geben sich nicht damit zufrieden.
Fehler sind für sie die Hefe der Evolution. Da sie naturgemäß ständig Fehler machen, entwickeln sie Humor als die Königslösung, um die Paradoxien des Lebens zu transzendieren.
Sie streben danach, Dinge zu vollenden, zu verzeihen, um so bewusst die Gegenwart zu erfüllen.
Wandel ist nichts, was bekämpft wird. Wandel ist die Luft, in der das Leben atmet. Wandel ist erregend.
Rebellen des Geistes heben gern ab und gerade deshalb achten sie darauf, dass es in ihrem Leben immer eine klare, saubere, stabile Landefläche gibt. Diese Landefläche heißt Integrität. Integrität basiert auf klar, bis zum Ende durchdachten ethischen Grundsätzen und der Bereitschaft, diese auch unter Bedrohung aufrechtzuhalten.
Rebellen des Geistes wissen, dass es möglich ist, voll in der Gegenwart zu leben und ihr Handeln nach einer Vision in der Zukunft auszurichten. Sie streben nach Exzellenz und Vollendung. Wohlwissend, dass sie sich auf einer ewigen Reise befinden.
Sie geben dem Leben in sich selbst Raum – den erleuchteten und den dunklen Aspekten – den weisen und den kindischen Facetten – dem Loser und dem Winner.
In dem sie das Leben jeden Tag testen und sich vom Leben jeden Tag testen lassen, reift Vertrauen. Kein blinder Glaube, keine Hoffnung, sondern Vertrauen. Vertrauen in ihren Körper, in ihren Geist, in ihre Beziehungen – in Alles.
Sie haben kein Problem damit, sich lächerlich zu machen, denn sie wissen um die Lächerlichkeit ihrer menschlichen Bestrebungen und um die Unantastbarkeit ihrer Würde. Sie erleben sich zur gleichen Zeit als nichtigen Sternenstaub und großartiges Wunder.
Sie haben vor langer Zeit das scheinbar sichere Ufer verlassen und sind eins mit dem Fluss geworden, ohne ihre Individualität zu verlieren.
Krisen sind für sie die natürlichen Stromschnellen des Lebens. Wenn die nächste Stromschnelle kommt, pinkeln sie noch einmal ins Wasser, denn das bringt Glück. Dann atmen sie tief durch und suchen die bewusste Vereinigung mit dem Wirbel.
Rente ist ein Konzept, das ein Rebell des Geistes einfach nicht versteht. Wie kann man Leben in ein Leben vor und ein Leben nach der Rente einteilen? Soweit wir sehen können, sind wir bis zu unserem Tod 100% Vollzeitangestellte. Wir tun bis zum Ende nur das, was wir lieben. Denn nur darin können wir richtig gut sein.
Wenn wir doch etwas tun müssen, was wir nicht mögen, zum Beispiel die Kacke unseres Kindes wegwischen, unsere Steuerabrechnung schreiben oder physisch altern, dann wählen wir, das zu lieben.
Rebellen des Geistes wissen instinktiv, dass es keine Garantie für ein Leben danach gibt.
Ihr Spiel ist jetzt.
Deshalb streben sie jetzt nach dem Höchsten.
Deshalb spielen sie das Spiel des Lebens jetzt zu 100 %.
Und wenn sie einmal Lust haben, auf der Couch zu sitzen, Chips zu futtern und sich die Birne mit einem guten Film berieseln zu lassen?
Dann machen sie das voller Enthusiasmus und exzellent.
Rebellen des Geistes haben natürlich auch Angst vor dem Tod. Doch sie erlauben der Angst, da zu sein und sich in freudige Erregung zu verwandeln. Sie warten nicht wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf den großen Tod. Sie sterben jeden Tag kleine Tode – immer dann, wenn sie die Komfortgrenze überschreiten. Sie trainieren das Loslassen jeden Tag.
Sie ahnen, dass das Ende den Geschmack der ganzen Reise zusammenfassen wird.
Deshalb leben sie jetzt so, wie sie einmal sterben möchten.
Und wenn sie es wieder einmal vergessen haben?
Wenn die Verschwörung des Mittelmaßes sie wieder einmal geschluckt hat?
Dann verschwendet ein Rebell des Geistes keine Zeit für Schuld und Scham.
Er steht auf,
schüttelt den Kopf,
lächelt über sich selbst
und korrigiert.
Denn er weiß,
dass er in jedem Augenblick wieder neu wählen kann
und neu wählen muss.
Rebellen des Geistes sind schön.
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