Niederlage – der Geburtskanal eines Meisters
Donnerstag, 8. Juli 2010“Es ist aus!” lautet heute die Überschrift der Bildzeitung.
Was genau ist eigentlich “aus”, wenn wir ein Spiel des Lebens verlieren?
Einmal in vier Jahren gestatte ich mir den Luxus, mich mit einem Ball und 11 Männern, die ich nicht kenne, voll und ganz zu identifizieren. Was für eine Erfahrung! Was für Erkenntnisse!
Natürlich ist es geil für meinen Emotionalkörper, wenn die Jungs (O-Ton meines Verstandes: „Unsere Jungs!“ gewinnen. Es fühlt sich an wie ein legal verschriebener Cocktail an euphorisierenden Drogen. Doch ich erinnere mich auch noch gut an die letzte WM… und die Depression, die ich für 5 Tage ausbaden musste … nachdem „wir“ verloren.
Diesmal saß ich besser im Sattel des inneren Zeugen. Fast in Zeitlupe konnte ich beobachten, was in mir geschieht, wenn „ich“ eine Niederlage erlebe. Zuerst das Gegentor. Das verzögerte Akzeptieren dessen, was ich gerade sehe. Den bitteren, wachrüttelnden Schock, den wir erfahren, wenn unsere Fantasie auf die Wirklichkeit trifft und zerplatzt – wie eine Seifenblase. Wenn Gott diese Film-Szene mit einem Ton untermalen würde… bei mir wäre dann jenes Geräusch im Kopf zu hören, dass mein Computer macht, wenn ich den Papierkorb auf meinem Desktop leere. You know, what I mean? Ritsch, ratsch, weg ist der Plan…
Der Moment der Leere danach.
Der Versuch des Verstandes, die Leere schnell mit Affirmationen und Gebeten und Aktionen zu füllen.
Und dann der Abpfiff – DER ULTIMATIVE AUGENBLICK, in dem du annehmen musst, dass dieser Zyklus des Spieles von dir verloren wurde. Gestern antwortete ich einer Teilnehmerin des ThinkBigEvolution-Kurses, die gerade etwas ähnliches erlebt. Da du Mensch bist, kennst Du solche Situationen sehr wahrscheinlich auch.
Du hast alles, wirklich alles gegeben. Vielleicht lief es sogar gerade soooo gut und dann, dann kommt diese ominöse, unsichtbare KRAFT und nimmt dir das Steuer aus der Hand.
Der Augenblick, in dem du realisierst, dass nichts, aber auch wirklich gar nichts, was du tun kannst, etwas daran ändern wird, dieser Augenblick kann, je nachdem wie sehr wir gegen die Lektion kämpfen, seeeeeehr lang sein.
Der Augenblick, in dem ein kleiner ungarischer Mann auf dem Bildschirm ein Spiel abpfeift. Nie wieder wird es dieses Spiel so geben.
Der Augenblick, in dem eine Beziehung, um die du seit Jahren gekämpft hast, zerbricht.
Der Augenblick, in dem dein liebstes Projekt, dein Traum, deine Vision, an wirtschaftlichen Faktoren scheitert.
Der Augenblick, in dem ein geliebtes Wesen stirbt.
Was ist geschehen?
Das Leben schenkt uns eine NIEDERLAGE.
Es nimmt uns weg, womit wir uns identifiziert haben.
Manchmal kämpfen wir sehr, sehr lange, um diese Erfahrung zu akzeptieren.
Manchmal brauchen wir Jahre, um die Phasen einer NIEDERLAGE zu durchleben…
Schock
Aufbegehren und Ärger
Kampf und Nichtwahrhabenwollen
Depression
Ohnmacht
Hingabe
Stille
…
Der Kampf gegen eine Niederlage kann sehr verschiedene und zum Teil sehr subtile Variationen annehmen.
Offene Entrüstung.
Beschuldigung anderer.
Krampfhafte Konzentration auf angelerntes, positives Denken.
Hadern mit Gott.
So tun, als wenn ich nie an einem Sieg interessiert gewesen wäre.
Resignation und Aufgabe.
Gestern Abend ging alles sehr schnell für mich. Ich war für einige Minuten sehr traurig und gleichzeitig hellwach und nüchtern. Ich konnte den bewussten Wert einer Niederlage fast schmecken.
Das Geschenk, mitten im Spiel des Lebens daran erinnert zu werden, dass es nicht um einen Sieg am Ende eines Spieles geht, sondern dass es ums SPIELEN des EINEN EWIGEN SPIELES geht.
Ob du mitspielst.
Wie du spielst.
Wie gut du spielst.
Ob du deinen Arsch weit genug aus dem Fenster raushängst,
um am Ende eines Spielzyklus vielleicht traurig und dennoch ruhig vom Platz gehen zu können.
…………………………
Das Geschenk, mitten im Spiel unterbrochen und erinnert zu werden:
„Heh, weißt du noch, warum du wirklich spielst?
Was ist der tiefere Sinn – jenseits deines verständlichen Wunsches zu gewinnen?“
…………………………
Das Geschenk, durch eine Niederlage die ultimative Meisterprüfung angeboten zu bekommen:
Bleibst du liegen oder stehst du wieder auf?
Wenn du wieder aufstehst, welche Kraft speist dich?
Trotz oder Demut?
Nutzt du die Niederlage, um dich zu demoralisieren oder als Katalysator für deine Reifung?
Wie viele Niederlagen bist du bereit, wach und würdevoll anzunehmen und zu „verdauen“ –
um in dem, was du liebst, wirklich ein Meister, eine Meisterin zu werden?
Wie oft kann dich das Leben von deinen Beinen fegen und du stehst dennoch lächelnd wieder auf?
Was in deinem Leben ist dir so wertvoll, dass du bereit bist, 10.000 Stunden Schulung zu erfahren-
gefüllt mit Lektionen –
– angenehmen und schmerzhaften – spannenden und öden – Gewinnen und Niederlagen –
10.000 Stunden, um in dem was du liebst, wirklich gut zu sein?
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Was ist überhaupt eine NIEDERLAGE?
Woher wissen wir so genau, ob wir gerade gewinnen oder verlieren?
Könnte ein Apfelbaum zweifeln wie ein Mensch, dann würde er sich im Spätherbst vielleicht mit einer Tanne vergleichen und denken:
„Oh je, ich mache etwas falsch. Ich verliere gerade alle meine Blätter. Der Baum da drüben nicht.
Ich bin ein schlechter Baum. Ich werde es nie schaffen. Besser ich gebe es auf.“
Dem Leben sei Dank, denkt der Apfelbaum das nicht.
Er entspannt sich im Entblättern,
sammelt seine Kraft
und blüht im Frühjahr wieder neu.