Menschliche Wunder

Sonntag, 13. September 2009

 

In den letzten vier Wochen habe ich oft von unseren magischen Begegnungen mit freien Delphinen (auf Bimini) berichtet. Eine Leserin nannte sie die Engel des Wassers. Heute möchte ich gern über die Engel der Erde schreiben.

Ich möchte dir ein Wesen vorstellen, was mich in der letzten Woche zutiefst berührt hat – Frieder. Frieder ist sechs Jahre alt und wunderschön. Frieder lebt in einem Körper, den er kaum bewegen kann. Ich könnte jetzt den medizinischen Begriff für das aufschreiben, was Frieder erfährt, seit er zweieinhalb Jahre alt ist. Doch darum geht es mir gerade nicht.

Mir ist es ein Bedürfnis, mit dir zu teilen, was Frieder in mir berührt hat.

Frieder ...mein kleiner Freund

Frieder ...mein kleiner Freund

Frieder ist einer jener Menschen, von denen wir im Alltag manchmal schnell unseren Blick abwenden, weil wir nicht wissen, was wir tun sollen.

Das Gute an einem Boot ist, dass du nicht wegschauen kannst.

Frieder war da und er lag zwischen uns – jeglicher Form der körperlichen Freiheit beraubt, die uns oft so wichtig ist.

Frieder kann nicht sprechen, nicht laufen, nicht allein essen.

Er kann nicht entscheiden, wohin er als Nächstes gehen oder was er tun möchte.

Frieder erfährt auf der körperlichen Ebene etwas, wovor die meisten von uns eine solche Angst haben …absolute Ohnmacht.

Ich habe keine Ahnung, was und wie Frieders Bewusstsein sein Leben erfährt. Ich kann nur davon berichten, was ich erfahren habe.

Ihn im Arm zu halten, während wir im riesigen Ozean schwammen – hat mich in meiner zartesten und verletzbarsten Seite berührt.

Frieder hat mir gezeigt, wie wenig ich über Leben und Bewusstsein weiß.

Frieder hat mich daran erinnert, wie viele Wunder des Lebens ich für selbstverständlich betrachte und deswegen lange nicht mehr bestaunt habe.

Das Wunder, mit meiner Hand bewusst einen anderen Menschen berühren zu können.

Das Wunder, mich dir gegenüber über Worte, Gesten und Gefühle ausdrücken zu können.

Das Wunder, mit meinen Füßen auf dich zugehen zu können, wenn ich dies möchte.

Salzwasser auf meiner Haut zu spüren…

Einen Sonnenuntergang mit meinen Augen zu trinken…

Mich auf einer Nacht mit meiner Liebsten zu freuen…

Man könnte meinen, Frieders Anwesenheit hätte uns betrübt. Doch das Gegenteil war der Fall. Ich habe schon lange nicht mehr so viele Menschen so zärtlich und so still gesehen. Manche meinen, Wesen wie Frieder wären Engel – gesendet mit einer höheren Aufgabe.

Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es so. Vielleicht ist es nur eine tröstliche Perspektive, die uns hilft, Phänomene dieses Lebens anzunehmen, die uns in ihrer unbegreiflichen Tragweite erschrecken.

Was ich weiß, ist, dass Frieder wunderschön ist und dass seine Anwesenheit uns alle geheilt hat. Sogenannte Probleme schrumpften in seiner Anwesenheit zu schamvoller Winzigkeit. Wer Frieder im Arm hielt, wurde sanft und still. Ich glaube, nicht nur mir, hat Frieder die Augen für den unermesslichen Reichtum eines gesunden Lebens geöffnet.

Fragen haben unsere Herzen tief berührt. Fragen wie “Was ist Leben? Was ist Bewusstsein? Was ist wirkliche Freiheit?”

Frieder im Ozean

Frieder im Ozean

Ich hatte in diesen Wochen unglaubliche Begegnungen mit Delfinen, doch Frieder und Marie (über die ich noch berichten werde), haben mein Bewusstsein auf eine Art und Weise erweitert, die ich nicht wirklich in Worte fassen kann. Dennoch hoffe ich, dass dich das Wunder jenseits aller hier geschrieben Worte erreicht und berührt.

Möge es dich einladen, jetzt und hier zu erkennen, was für ein unermesslich reiches Wesen du bist.

In Liebe und Staunen, Veit

 

PS: Und über eine weitere Art von Engeln möchte ich gern noch schreiben … die Eltern jener Kinder. In diesem Fall die Mütter von Marie und Frieder. Ich empfinde einen solch tiefen Respekt für eure Dauerleistung. Euren 24-Stunden-Service an Hingabe zu erleben, in einer Welt, in der die meisten nach immer mehr persönlicher Freiheit schreien, macht mich demütig und gleichzeitig so froh.

Wenn du dies gerade liest und selbst in der Situation bist, für ein Wesen auf diese alles fordernde Art zu sorgen, ist es mir ein Bedürfnis, dir zu sagen, wie sehr ich dich bewundere und achte. Ich wünsche dir von Herzen Frieden mit deiner großen Aufgabe, Kraft aus der unendlichen Quelle und gute, gute Freunde, die bereit sind, sich berühren zu lassen.

 

 

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