Glauben oder Vertrauen?

Freitag, 16. Juli 2010

Vor kurzem bin ich in einem Interview gefragt worden, welche Botschaft ich, welche Botschaft Life Trust hätte.
Wir haben keine Botschaft.
Das Leben selbst ist die Botschaft.

Ich sitze in unserem Garten.
Der Tau glitzert auf den Blättern.
Die Vögel, die mich eben so vital wachgerufen haben, kommen langsam zur Ruhe.
Der rote Zauberkater liegt neben mir in seinem Sessel und atmet friedlich.
Alles atmet Leben. Alles ist die Botschaft.

Natürlich werde ich wieder und wieder versuchen, sie mit Worten zu beschreiben. Die süße Verzweiflung eines Autors.
Wohlwissend, dass ich Leben nicht benennen, sondern nur leben kann.

Das Leben in mir und in dir ist die Botschaft.
Wenn wir sie strömen lassen,
wenn wir sie frei überbringen,
dann leuchten unsere Augen.

Wenn wir uns abschneiden vom Strom des Lebens,
vielleicht aus Angst oder aus Trotz,
dann weigern wir uns,
Bote zu sein.

Unsere Konzepte, unsere Tabus,
unser Versuch, den Strom des Lebens in uns, durch uns zu kontrollieren,
all das nabelt uns ab von der Botschaft.

Unsere Augen werden grau und wir beginnen, über das Leben nachzudenken,
anstatt das Leben zu sein.

Als Kind haben wir die Botschaft frei in uns pulsieren lassen.
Natürlich unbewusst, natürlich schrecklich egozentrisch.

Doch wir haben vertraut.
Wir waren ohne zu Zögern die Boten des Lebens.


Und dann? Ja dann beginnt für jeden von uns die Heldenreise.
Raus aus der geliebten Idylle.
In den Bruch, in das Misstrauen, in die Vorsicht und die Rollenspiele.

Wir wollen groß sein und dafür übernehmen wir das Spiel der Großen.
Wir tauschen blindes, unreflektiertes Urvertrauen gegen vorgekaute Konzepte.

Es hat mich viele Jahre Therapie gebraucht, um zu erkennen, dass es nur einen Ansprechpartner für meine Probleme gibt. Dass es nur eine Beziehung gibt, die ich heilen muss, um wieder heil zu sein.

Nicht die zu meinen Eltern.
Nicht die zu meinen Lehrern.
Nicht die zu meiner Geliebten.
Nicht die zu mir.

Was ich suchen, verstehen und heilen musste, war und ist meine Beziehung zur Existenz.

Irgendwann auf meiner Heldenreise habe ich das Vertrauen in die Existenz verloren. Und wenn dir dies geschieht, und die meisten von uns müssen dadurch, dann bist du ziemlich im Arsch.
Denn ohne dieses Vertrauen rennst du wie ein verunsicherter Blinder durch dein Leben und krallst dich an allem fest, was dir scheinbar Sicherheit gibt… na das Übliche eben.
Geld, ein Job, Schatzi.
Doch vor allem Konzepte, Konzepte, Konzepte.

Es ist ein interessantes Spiel, welches wir spielen.
Wir tun so, oh wir tun so gern so, als könnten unsere angehäuften Konzepte irgendetwas erklären. Als könnten sie unsere existentielle Blöße bedecken. Und doch wissen wir, (wir sind ja nicht wirklich blöd), dass wir in Wirklichkeit nackt sind. Splitterfasernackt.

Ich durfte mittlerweile in meiner Arbeit tausenden Menschen begegnen – so verschieden in Alter, Beruf und dem Anliegen, mit dem sie kamen.
So, so vielfältige Motivationen, die sie bewegt haben – Erfolg, Gesundheit, Liebe, Beruf, Sex, Angst, Erleuchtung…
Scheinbar so verschieden, haben sie doch, in der Tiefe, das Eine gesucht.


Vertrauen.
Nicht Glauben.
Vertrauen.

Nicht das Vertrauen in eine Weltanschauung oder einen Job oder eine Beziehung.
Sondern das Vertrauen in das Leben.
Das Vertrauen in die Quelle – jene Intelligenz, die uns alle hervorgebracht hat.
Wenn diese Quelle vertrauenswürdig ist, bist du es auch.
Falls du dich für einen Atheisten hältst und jetzt gerade die Augen verdrehst, lies bitte dennoch weiter.
Ich schreibe hier nicht über irgendein religiöses Konzept.

Ich schreibe über die intimste Beziehung, die jeder von uns klären muss, um Frieden zu finden.
Nur du und das Leben.

Ist Leben vertrauenswürdig?
Die Antwort in Büchern zu lesen, nützt gar nichts.
Du kannst hunderte Berichte über erfolgreiche Sprünge vom Zehnmeter-Turm lesen, doch du hast immer noch Angst.
Alles, was ich dir zu jener Art des Vertrauens sagen möchte, ist, dass ich überzeugt davon bin, dass es in jedem von uns eine Antwort gibt, die wir finden müssen.

Menschen, die diese Antwort gefunden haben, leben anders. Entspannter, sanfter,  und gleichzeitig frecher und risikobereiter.
Vertrauen hat viel mit Erfahrung zu tun und den Schlussfolgerungen, die wir aus diesen Erfahrungen ziehen. Es ist ein Mysterium. Es gibt Menschen, die erleben dieselbe Katastrophe, doch der eine von ihnen geht im Vertrauen gebrochen, der andere gestärkt daraus hervor.
Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass immer alles glatt läuft. Das ist kindliches Wunschdenken. Vertrauen hat nichts mit „gute Beweise sammeln“ zu tun.

Vertrauen ist eine Wahl.
Die exsitentiellste Wahl, die wir treffen können.

Zu vertrauen, ohne Garantie, dass es, in unserem begrenzten Sinne, gut geht.

Du hast hundert Bücher über Zehn-Meter-Sprünge gelesen. Sie können dich motivieren, inspirieren, verführen,…
Doch wenn du dann da oben stehst, sind es deine Knie, die weich werden. Es ist deine Erfahrung.
Nur du und das Leben.


Und die Wahrheit ist, es gibt keine Garantie, dass du wohlbehalten unten aufkommst.
Das ist die Grenzzone, in der wir wählen.

Ob wir dem Leben weiter mit einem Ganzkörperkondom – gestrickt aus Absicherungen und Konzepten – begegnen, oder nackt und direkt.
Nackt und direkt bedeutet, die Botschaft des Lebens in dir zu spüren und ihr zu folgen. Dich immer und immer wieder von ihr überraschen, berühren und verändern zu lassen.

Ich habe Menschen gesehen, die haben sich beschissen, in dem sie laut und grölend vom Zehn-Meter-Turm gesprungen sind, ohne irgendetwas zu spüren. Und ich habe Menschen erlebt, die haben Vertrauen gefunden, in dem sie nicht sprangen, sondern ihre Angst respektierten.

Das Leben hält sich nicht an unsere Konzepte von Mutigsein.
Es will gelebt werden – mal zart, mal ganz wild.
Mal so, so leise und dann wieder ohrenbetäubend laut.

Wenn Leben vertrauenswürdig ist, dann sind wir es auch.
Selbst, wenn wir uns oft noch nicht verstehen.

Life is the message.
In Life we trust.
Life Trust.

 

 

 

 

 

 

Veit Lindau, 16.07.2010

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