Drei Wunder zum Staunen
Montag, 19. Juli 2010
Drei Wunder zum Staunen
Veit Lindau, 19.07.2010
Manche Wirkungsmechanismen des Lebens sind so erstaunlich, dass wir sie tausend Mal gelesen, gehört und sogar mental verstanden haben und dennoch nicht mit unserem ganzen Wesen begriffen haben.
Nur drei Beispiele:
Erstes Wunder: Die Photosynthese
Ich komme aus einer kommunistischen Diktatur. D.h., ich bin streng atheistisch groß geworden. Doch wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich einen Mirabellenbaum. Ich weiß intellektuell, dass das Grün seiner Blätter mein ausgeatmetes Kohlendioxid in Sauerstoff umwandelt, den ich zufälligerweise dringend zum Überleben auf diesem Planeten brauche. Die Tatsache, dass dieser Mirabellenbaum und ich bei unserer Geburt noch nichts voneinander wussten und dennoch so perfekt aufeinander abgestimmt sind, ist für mich ein Wunder.
Zweites Wunder: Die Unwahrscheinlichkeit unserer Existenz
Kennst du jemanden in deiner Familie, der schon mal einen Sechser im Lotto gewonnen hat? Vielleicht dein Nachbar? Oder jemand in der Schule? Falls du jetzt sagst „Ja, Veit, kenne ich.“, dann verdirbst du mir meine Pointe. Denn eigentlich ist es sehr, sehr unwahrscheinlich, stimmt’s?
Doch viel unwahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto ist die Tatsache, dass wir beide jetzt gerade, in diesen Körpern, miteinander kommunizieren. Denn dafür mussten deine Eltern Sex haben.
Ups. Mir fällt gerade auf, dass dies heutzutage gar nicht mehr selbstverständlich ist. Okay, mal angenommen, du bist noch biologisch erzeugt. Dann mussten deine Eltern zum perfekten Zeitpunkt, in der perfekten Stellung miteinander Sex haben. Und dann musste auch noch 1 ganz bestimmtes Spermium von ca. 400 Millionen Spermien das Rennen gewinnen!
(Damit du dir das Wettrennen besser vorstellen kannst, noch einige ausmalende Details: Bei der Ejakulation herrscht noch mächtig Tempo. Mit ca. 17 km/h verlassen die Spermien den Penis (etwa so schnell wie ein Marathon-Läufer.) Danach geht es in der weiblichen Scheide allerdings sehr viel gemächlicher zu. Nur noch mit etwa 3-4 Millimeter pro Minute rudern die Sportsfreunde Richtung Gebärmutter, das sind etwa 0,0002 km/h.)
Doch zurück zum Thema! Worauf will ich hinaus?
Egal wie schön oder öd der Sex unserer Eltern in diesem Augenblick war, wir sind das Ergebnis eines unwahrscheinlichen Wunders. Ich darf gar nicht daran denken, wie viele unserer Vorfahren genau im perfekten Augenblick miteinander kopulierten (nettes Wort
) und jedes Mal genau das richtige Spermium das Rennen machte, damit wir uns jetzt, ausgesetzt in einer unendlich weiten, leeren Galaxie, darüber unterhalten können.
Ich behaupte: Wer beim Spermium-Gleichnis nicht zum staunenden Mystiker wird, ist für Mystik resistent.
Wenn du heute durch die Straßen deiner Stadt läufst, schau einmal aus diesem Blickwinkel auf deine Mitmenschen. Jeder von ihnen eine einzige Unwahrscheinlichkeit, ein Lottogewinner, der unangefochtene Champion vieler, vieler Spermienrennen. Wenn du dich das nächste Mal mit jemanden streitest, rechne vorher durch, wie unwahrscheinlich es ist, dass ihr euch überhaupt begegnen könnt.
Drittes Wunder: Deine Gedanken erschaffen Welten
Dies ist ein Satz, den du mittlerweile in jedem zweiten Ratgeberbuch im Buchladen abgewandelt lesen kannst. Wenn wir etwas oft gelesen haben, laufen wir Gefahr, es mental abzunicken „Ja, ja, ich weiß. Habe ich verstanden…”, ohne zu überprüfen, ob wir es wirklich begriffen haben.
Gedanken erschaffen Welten.
Ich halte dies für den am meisten unterschätzten und missachteten Wirkmechanismus des Mensch-Seins. Seine Auswirkungen sind von existentieller Tragweite für dein persönliches Glück, deine Beziehungen und unser Zusammensein auf diesem Planeten.
Deine Gedanken erschaffen Dinge.
Und zwar nicht manchmal, sondern immer.
Keiner deiner Gedanken ist neutral.
Jeder einzelne von ihnen öffnet die Tür zu einer Welt und verschließt unzählige andere.
Jeder Gedanke, den du denkst, birgt die Potenz, etwas zu erschaffen und/oder zu zerstören.
Es scheint so, als ob die Existenz uns Menschen eine unvorstellbar machtvolle Waffe in die Hand gegeben hätte und wir immer noch so tun, als ob es nur eine Spielzeugpistole wäre. Angemessen an unserer Wirkkraft spielen wir ein erschreckend kindlich-naives Spiel.
Wir kreieren mit unserem Denken Gefühle, Handlungen, Dinge und Beziehungen. Doch dann koppeln wir diese Welt von unserem Bewusstsein ab und schauen darauf, als ob „es“ uns einfach so passiert.
Wir vergessen, dass wir auf eine Welt reagieren, die wir selbst geschaffen haben.
Schau dich doch heute, als ein Experiment, in deinem Leben um. Die Menschen, die Umstände, dein generelles Empfinden… Was wäre, wenn dies alles ein Ergebnis deines Denkens in den letzten Monaten und Jahren wäre? Wie immer, glaube dem Lindau nichts. Nimm es als Einladung für ein Gedankenexperiment.
„Was wäre, wenn dies alles ein Ergebnis meines Denkens in den letzten Monaten und Jahren wäre?“
PS, für die Skeptiker unter uns: Meine Überlegungen zum Thema entspringen nicht jener, heute oft verbreiteten magisch-narzisstischen Wunschfantasie: „Ich wünsche mir etwas vom Universum und dann wird es mir auf dem Silbertablett präsentiert.“ Mein Anliegen ist es, dich für jeden nachvollziehbare Zusammenhänge zwischen unserem Denken und der von uns erfahrenen Wirklichkeit zu öffnen. Ich schreibe in den kommenden Tagen noch etwas ausführlicher dazu. Für heute, zum Abschluss, ein ganz pragmatisches Beispiel:
Der Mirabellenbaum, den ich zu Beginn erwähnte, steht vor mir, denn ich sitze auf unserer Terrasse. Für mich ist er gerade ein lebenspendendes Wunder, ein wunderschöner Freund. Meine Tochter hasst diesen Baum, denn als Teenie war es ihr Job, im Sommer die faulen Früchte aufzusammeln. Derselbe Baum, doch komplett verschiedene Wirklichkeiten. Eröffnet durch die verschiedene Perspektive unserer Gedanken.
In diesem Sinne wünsche ich dir heute die sinnvollste Perspektive.
Dein Veit
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Gedanken erschaffen Dinge.
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