Die Ruhe des Nichtwissens
Samstag, 7. August 2010Von Veit Lindau
Rebellen des Geistes sind sich nur einer Sache ganz sicher.
Sie wissen nie, was etwas wirklich bedeutet.
Sie wissen, dass ihr Erleben des Lebens nicht das Leben selbst ist.
Sie sind bereit, die selbstsichere Arroganz des Verstandes in den Grundfesten erschüttern zu lassen, in dem sie sich wieder und wieder wachrufen, dass die menschliche Physis nicht in der Lage ist, Wirklichkeit zu erfassen. Im Allgemeinen beziehen sich Menschen, wenn sie von Wirklichkeit sprechen, auf das, was sie sehen, hören, schmecken und fühlen. Doch wie zuverlässig und vollständig ist unsere Wahrnehmung eigentlich?
Unser bewusstes Sehen nimmt nur ca. 0,0003% dessen wahr, was eigentlich zu sehen ist. Unsere Ohren hören nur 0,4%, unsere Haut spürt nur 0,005 % und unsere Nase riecht nur 0,01 % der ganzen Bandbreite an Möglichkeiten.
Was bedeutet dies im Klartext?
Wir sind physisch nicht in der Lage, die gesamte Wirklichkeit zu erfassen, sondern lediglich Fragmente. Diese winzigen Bruchteile an Informationen ordnen wir an Hand einer inneren Landkarte so an, dass sie ein für uns schlüssiges Bild ergeben, an dem wir uns orientieren können. Diese innere Landkarte besteht aus alten Erfahrungen, den daraus gewonnenen Schlussfolgerungen, aus Glaubenssätzen und Paradigmen.
Wer einen eindeutigen Beweis für den Humor der Existenz sucht, findet ihn also hier im Menschen:
Wir sehen nie, was ist.
Sondern wir sehen, was wir glauben.
Wir reagieren nie auf eine äußere Wirklichkeit, denn die kennen wir gar nicht.
Wir reagieren immer auf ein kleines persönlich zurechtgezimmertes, verallgemeinertes, verzerrtes, Abbild der Wirklichkeit in uns.
Und obwohl wir dies mittlerweile (fast alle) schon wissen, sind wir bereit, auf Grundlage dessen, was wir erleben, zu urteilen, unangenehme Gefühle zu erschaffen, zu streiten, zu trennen und Kriege zu führen.
Urteile verleihen uns das Gefühl von Sicherheit. Urteile sind die Koordinaten unseres Geistes in einem unendlichen Universum. Sie sind das „Hier ist oben. Hier ist unten.“ Selbst ein negatives Urteil über uns oder jemand anderen mag sich besch… anfühlen, doch es schenkt uns immer noch Halt.
Doch jedes Urteil ist auch eine Lüge, die zwischen dir und der Freiheit steht. Wie ein Kondom verhindert es den nackten Kontakt mit dem Unendlichen.
Da das Unendliche hungrig nach dir ist, sendet es seine Boten der Befreiung. Es sendet Menschen, Krisen, Krankheiten, die deine Urteile in ihren Grundfesten erschüttern. Je mehr du festhältst, desto schmerzhafter wird es. Je mehr du deinen Urteilen vertraust, desto mehr wirst du dich fürchten, wenn sie in Frage gestellt werden. Manchmal ist die Angst so stark, dass wir den Boten angreifen. Die Angst macht uns blind. Sie lässt uns an Urteilen festhalten, die schon lange zu einem Gefängnis unserer Seele versteinert sind.
Ein Rebell des Geistes wartet nicht auf die Zwangsbefreiung durch eine äußere Krise. Er weiß nur eines ganz sicher, dass er nie wirklich weiß, was etwas bedeutet.
Eine Rebellin des Geistes fürchtet dieses Nichtwissen nicht, sondern findet darin Ruhe. Dieselbe Ruhe, die wir empfinden, wenn uns ein Tier urteilsfrei in die Augen schaut oder wenn uns ein Baum urteilsfrei lauscht.
Ein unbeaufsichtigter Geist verrennt sich in seinen Urteilen und muss manchmal schier gewaltsam aus ihrer Umklammerung befreit werden.
Ein Rebell des Geistes ist freiwillig zentriert im Kern seines Nichtwissens.
Er nutzt Urteile, um sich in der relativen Welt zu orientieren, doch er kann innerhalb weniger Augenblicke in den Modus des unschuldigen Anfängergeistes wechseln. Hier weiß er/sie nicht, was irgendetwas bedeutet.
Im Nichtwissen ist Stille.
Im Nichtwissen ist Frieden.
Im Nichtwissen ist Staunen.
Im Staunen zeigt sich das Wunder.
Im Nichtwissen offenbart sich die Nacktheit der Seele.
…die nun vom Unendlichen direkt berührt werden kann.
Und irgendwann – war es nur eine Sekunde oder eine Stunde? – taucht der Wissende wieder auf. Erfrischt, entspannt greift er seine Landkarte der Wirklichkeit wieder auf, um den Weg zum Kindergarten oder zu Edeka zu finden. Irgendwie fühlt sich die Karte größer an. So, als wenn sie seit dem Eingehen in die Stille nun mehr Gebiete umfasst, mehr Möglichkeiten integriert, mehr Spielraum lässt.
Die Rebellin des Geistes hält die Landkarte locker in der Hand – dankbar für die Orientierung in der Welt der Erscheinungen – und doch bereit, sie jederzeit aus der Hand zu legen, um sich vom Leben direkt und ohne Kondom vögeln zu lassen.
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