Die Kunst, dich zu verbinden …
Donnerstag, 22. Juli 2010
Von Elefanten, Bienen und dir
Von Veit Lindau. 22.07.2010
Die Fähigkeit, sich mit dem zu verbinden, was stärkt, ist eine Grundeigenschaft des Lebens.
Jede Zelle verbindet sich.
Die Wurzel sucht das Wasser.
Bäume wachsen der Sonne entgegen.
Die Biene findet den Nektar.
Alles in der Natur funktioniert nach diesem einfachen Prinzip:
Meide, was dir schadet. Verbinde dich mit dem, was dir gut tut.
Nur die Neurose ist fähig, dieses Prinzip umzukehren.
Meide, was dich stärkt. Hänge aus mit dem, was dich schwächt.
Erinnerst du dich daran, wie offen du als kleines Kind das Universum erkundet hast?
Du hast dich umgeschaut und Dinge gesehen, die deine Aufmerksamkeit erregt haben. Dann bist du ohne Umschweife darauf zu gegangen bzw. gekrabbelt. Du hast alles in die Hand genommen und neugierig damit gespielt. Es gab keine Tabus, die dir vorgeschrieben hätten: „Das steht mir zu und das nicht. Mit dem darf ich Kontakt aufnehmen und mit dem nicht.“
Du hast deine Umgebung durch direkte Erfahrung erkundet. Wenn etwas wehgetan hat oder dich nicht interessiert hat, hast du es in Zukunft vermieden. Wenn dein Bewusstsein etwas spannend fand, hast du selbstverständlich mehr Zeit damit verbracht.
Wie sieht es heute mit deiner Beziehungs-Neugier aus?
Erlaubst du dir immer noch, dich aktiv mit dem zu verbinden, was dich stärkt?
Erlaubst du dir, loszulassen, was dich schwächt?
Ein kleines Kind zieht instinktiv seine Hand zurück, wenn es ausversehen auf die heiße Herdplatte fasst. Es tut weh, also Finger weg. Doch was, wenn du ganz langsam an die Hitze der Herdplatte gewöhnt wurdest?
Weißt du, wie Elefanten im Zirkus, nachdem die Vorführung gelaufen ist, festgebunden werden?
An einfachen, kleinen Holzstöcken, die in den Boden gerammt werden. Die mächtigen Tiere könnten sich spielerisch losreißen. Der traurige Witz: Sie tun es nicht. Sie bleiben artig an ihrem Platz stehen. Ihnen ist nicht bewusst, dass sie nur an einem Holzpflock festgebunden sind. Als Jungtiere wurden die Elefanten an einem wesentlich schwereren Stamm festgebunden. Sie rebellierten dagegen, doch ihre Versuche, sich von dem zu lösen, was ihnen schadete, scheiterten. So akzeptierten sie es als Gesetz, sich Zuständen hinzugeben, die ihnen nicht wirklich gut taten. Ihre Fähigkeit, sich mit dem Leben zu verbinden, verkümmerte. Später wurde der schwere Stamm gegen immer kleinere Holzpflöcke ausgetauscht. Doch der Elefant hatte die Regel längst verinnerlicht. Er sperrt sich nun selbst ein.
Wir Erwachsenen agieren in unseren Beziehungen oft auch, als wären wir gefesselt! Eigentlich könnten wir uns frei bewegen, doch wir blockieren uns selbst durch verinnerlichte, zum Teil schmerzhaft unsinnige Regeln.
Antrainierte Höflichkeit bedeutet für viele von uns, kostbare Lebenszeit in einem Gespräch zu verbringen, dass für unser Bewusstsein völlig uninteressant ist.
Falsch verstandene Loyalität lässt uns Beziehungen mit Menschen am Leben halten, mit denen wir früher mal ne gute Zeit hatten, jetzt aber keine essentiellen Werte mehr teilen.
Als Treue gilt oft, einem anderen Menschen ein Versprechen auf Lebenszeit zu geben und dann neben ihm einzuschlafen. Wir verharren zu oft und zu lange in Verhaltensmustern, die uns schaden. Unehrlichkeit, Kleinmacherei, Süchte…
Wir erlauben uns nicht, direkt auf die Person zuzugehen, die uns wirklich fasziniert, weil wir Angst vor Ablehnung haben.
Wir verbieten uns, Menschen des anderen Geschlechts Komplimente zu machen, weil wir bereits eine Beziehung haben. Und erst recht nicht Menschen des gleichen Geschlechts, weil sonst andere denken könnten, wir sind homosexuell.
Wir unterdrücken unseren Impuls, wildfremde Menschen zu umarmen.
Anstatt den Job zu wählen, der uns am meisten Spaß machen würde, wählen wir Anstrengung und Pflicht.
Vielen von uns geht es wie den Elefanten. Eine riesige Kraft – gefesselt an das Holzstöckchen unserer Glaubenssätze. Wie deprimierend.
Doch es gibt auch eine gute Nachricht.
Weißt du, was den Elefanten dazu bringt, sich sofort, ohne jegliches Zögern, loszureißen? Wenn Feuer ausbricht. Wenn es um sein nacktes Überleben geht, vergisst er alle Regeln und mobilisiert seine ganze Kraft. Bitte zünde jetzt nicht deine Wohnung an und sag später, Veit hätte dies empfohlen.
Nein, die Kunst eines vollen, wachen Lebens besteht darin, dir bewusst zu machen, dass es immer brennt. Dass es keine Garantie auf Morgen gibt. Dass niemand von uns weiß, wie viel Zeit er noch hat, um auf das zuzugehen, was ihm gut tut.
Vielleicht glaubst du ja immer noch, dies hätte etwas mit Egoismus zu tun. Auch so eine antrainierte Regel. Erst ein Mensch, der gelernt hat, auf das zuzugehen, was ihm gut tut, kann anderen Menschen wirksam helfen, dies auch zu tun.
Den Strom des Lebens verantwortungsvoll und achtsam in dir zu bejahen, im Raum zu geben, ihm zu folgen, dich von ihm nähren und stärken zu lassen, ist kein Egoismus, es ist ein Dienst.
Ein Mensch, der sich wie die Blume und die Wurzel und die Biene lebendig und frei verbinden kann, dient Allem am meisten. Er ist eine pulsierende Schnittstelle des Lebens.
Be in service.
Connect yourself.
Be free.
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Zur Selbstreflexion
Wenn du keine Angst vor Fehlern oder vor Ablehnung hättest, mit welchen fünf Menschen würdest du dich gern aktiv verbinden?
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Worauf wartest du?
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Tipp
Love Revolution – lebendige Beziehungen gestalten
Ein Homekurs.
Was meinst Du? Welches Ereignis treibt einen Elefanten dazu, doch wegzurennen?
Feuer! Stelle dir ein Feuer in einem Zirkuszelt vor. Alle Tiere und natürlich auch der Elefant haben nur noch einen Wunsch: Fort! Das große Tier “vergisst” seine Beton-Dressur, reißt den Holzpflock aus dem Boden und rennt los.



