Die Faszination der anderen Baustelle
Montag, 12. Juli 2010
Als ich vor etlichen Jahren einem meiner Lehrer von meiner starken Sehnsucht berichtete, die Welt verbessern zu wollen, lächelte er. Er schaute mich an und sagte: „Du willst die Welt retten? Gut. Dann tu der Welt einen Gefallen und rette dich.“ Autsch.
Im Kurs in Wundern steht sinngemäß: „Wenn du gerettet bist, ist die ganze Welt erlöst.“ Auch das habe ich lange nicht verstanden.
Wie kann die ganze Welt erlöst sein, wenn ich gerettet bin? Und was bedeutet „gerettet“?
……………………………………………………
Menschliches Denken entwickelt sehr schnell zwanghafte Muster. Das vielleicht obsessivste ist das Fasziniertsein von der anderen Baustelle.
Wie viel Zeit verbringen wir in unseren Beziehungen damit, über den “anderen” nachzudenken? Über die Schwachstellen des Partners, der Eltern, der Politiker, der BP Leute…?
Was er/sie falsch macht…
Was sie verändern sollte…
Was ihr nächster Schritt sein sollte…
Mal ganz ehrlich, wie viele Minuten jeden Tag.
Wie viele Stunden jede Woche.
Wie viele Tage eines kostbaren Lebens – sinnlos auf eine fremde Baustelle gestarrt.
Aus Sicht des Egos macht das natürlich Sinn. Denn solange wir uns mit der Fata Morgana beschäftigen, müssen wir nicht erkennen, wer sie kreiert.
Die Welt, die wir sehen, ist ein Spiegelkabinett unseres Geistes. Tausend Zerrbilder – doch nur eine Quelle der Projektion. Uns mit den „anderen“ zu beschäftigen, heißt, uns auf die Zerrbilder auf der Filmleinwand zu konzentrieren, anstatt auf den, der hinter dem Projektor sitzt. Was für eine kolossale Kraftverschwendung. Was für ein Irrtum.
Ich kann die Welt nicht verändern, bevor ich nicht den entdecke, der sie erschafft.
Ein ängstlicher Geist sieht eine Welt voller Gefahren und Fallen.
Ein wütender Geist sieht Gegner zum Angreifen.
Ein sich selbst hassender Geist sieht Ablehnung überall.
Ein freundlicher Geist spürt das Gute im Wütenden.
Ein stiller Geist sieht selbst in einem Verbrecher einen schlafenden Buddha.
Ein Geist der Liebe schaut den Ozean, der alle Wellen, auch die scheinbar hässlichen, gebiert.
Für das Ego ist es schier unmöglich das zu akzeptieren: Die Welt, die wir tagtäglich erleben, existiert so nicht. Sie ist eine Projektion unseres Denkens.
„Aber Veit, der Stein auf dem Weg ist doch echt! Ich bin heute morgen erst mit dem Fuß dagegen gerannt. So fühlt sich keine Illusion an!“
Der Stein mag da wirklich liegen. Doch seine Bedeutung liegt allein in uns. Einer ärgert sich den Rest des Tages über den, der den Stein dahin gelegt hat. Ein anderer ignoriert den Stein. Ein anderer fragt sich, was er damit bauen könnte. Ein Stein – drei verschiedene Realitäten.
Byron Katie schreibt: „Es gibt im Leben nur drei Angelegenheiten. Deine, meine und die der Existenz.“
Wann immer wir mit der gesamten Existenz hadern oder uns mit dem „anderen“ beschäftigen, haben wir uns auf die fremde Baustelle verirrt. Was für eine wahnsinnige Zeitverschwendung. Wir können den “anderen“ nicht verändern.
In Wahrheit gibt es nur eine Baustelle, auf der wir befugt sind, etwas zu korrigieren. Unsere.
Die gute Nachricht: Geht auf unserer Baustelle das Licht an, erstrahlt die ganze Welt in neuem Licht.
Besser noch: Alle anderen Baustellen, auf die wir jahrelang so obsessiv gestarrt haben, zeigen uns ihre natürliche Vollkommenheit.
Die Welt ist ein Spiegelkabinett.
Finde den Projektor und es wird still.
…………………………………………
Artikel von Veit Lindau