Das Ende im Sinn
Donnerstag, 15. Juli 2010In unserer Welt ist es so leicht, in der Relativität der verschiedenen Perspektiven verloren zu gehen.
„Man kann es so, aber auch so sehen.“
In unserer Zeit ist es so leicht, Leben verstreichen zu lassen, ohne zu leben.
„Oh, schon wieder eine Woche um. Wo war ich?“
Tausend Aufgaben, Wünsche, Impulse erscheinen wichtig, doch was ist wirklich wesentlich?
Was berührt unser Wesen?
Was küsst uns wirklich wach?
Was nährt uns essentiell?
So dass die Seele am Abend nicht hungrig, sondern still und strahlend diese Welt verlässt?
Wir schlafen ein, wie wir den Tag verbracht haben.
Wir sterben, wie wir gelebt haben.
Deshalb ist der Tod der ultimative Lehrer für das Leben.
Beginne mit dem Ende im Sinn.
Stell dir vor, deine wirklich besten Freunde stehen an deinem Grab und sprechen über dich. Sie erinnern sich an dich.
Woran sollen sie denken?
Was war an dir bemerkenswert?
Welchen Geschmack hatte dein Leben?
Welchen Duft hinterlässt du im Äther?
Wie möchtest du sterben?
Und wie musst du dafür leben?
Den Tod als unseren ultimativen Lehrer zu anzunehmen, ist nicht morbide.
Es ist die vitalste Wahl, die wir treffen können.
All unsere Konzepte über das Sterben zu zerstören,… immer wieder … gerade dann, wenn sie uns einlullen und unsere Präsenz für diesen Augenblick schwächen…
Stattdessen den Tod bitten, uns wach zu küssen…
… wach zu küssen in die Erkenntnis herein …
dass wir nicht wirklich wissen können, was „danach kommt“.
Wie bist du heute Morgen aufgestanden?
Und wie wärest du aufgestanden, wenn dies dein letzter Morgen wäre?
Wie würdest du das Tageslicht begrüßen, wenn du ein zum Tode Verurteilter wärest?
Alles geht.
Das sagt sich so leicht dahin.
Doch wie verändert es unser Leben, wenn wir uns radikal und schonungslos öffnen?
Für die Erkenntnis,
… dass wir niemals wissen, wie viel Zeit wir mit unseren Liebsten noch haben…
… dass dieser Augenblick … ja dieser, jetzt eben, hier am Computer, so nicht wiederkommt.
Wie viel Macht hätten unsere Neurosen noch, uns am Leben zu hindern?
Wenn du dich verirrt hast im Dschungel der Wünsche und Pflichten –
lade deinen Tod als deinen Lehrer ein.
Lass dir die Flüchtigkeit aller Dinge und das Wesentliche des Augenblicks zeigen.
Was ist wesentlich, wenn es keine Garantie auf ein Morgen gibt?
Worum geht es wirklich in deinem Leben?
Was möchte – nein, was muss – durch dich gelebt werden?
Warum deine Geschenke zurückhalten, wenn du nicht weißt, ob wir uns wiedersehen?
Wenn dies heute dein letzter Tag wäre…
… hättest du immer noch Angst vor Fehlern?
… wäre es dir immer noch so wichtig, was andere von dir denken?
… würdest du streiten oder vergeben?
… würdest du dich zeigen oder verstecken?
… wie würdest du jede Erfahrung trinken?
Du stirbst.
Beginne zu leben.

“Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben; intensiv leben wollte ich. Das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten was nicht Leben war. Damit ich nicht in der Todesstunde inne würde, daß ich gar nicht gelebt hatte.”
Henry David Thoreau
Von Veit Lindau, 15.07.2010