Carpe diem – Deinem Ruf treu sein
Samstag, 17. Juli 2010
Da ist ein Ruf.
In jedem von uns.
Mal sehr laut und mal sehr, sehr leise.
Doch immer ist er da.

Warum gibt es kaum noch öffentliche Orte ohne Dauerbeschallung?
Was wollen wir nicht hören?
Warum müssen wir die Welt immer lauter werden lassen?
Egal, wie laut du das Radio aufdrehst,
egal, wie sehr du dich ablenkst,
oder dir mit Konzepten die Welt erklärst,
du kannst den Ruf in dir nicht übertönen.
Ich nenne es den Ruf meiner Seele - ohne jegliches Interesse an einer akademischen Diskussion darüber, ob es so etwas wie eine Seele überhaupt gibt. Ich habe das Wort Seele gewählt, um jene innerste wesentliche Instanz zu beschreiben. Jenen Ort, an dem ich immer – jenseits aller Worte – weiß, was gut und wahr und schön ist. Tiefer, viel tiefer als der Verstand, der beunruhigt, verwirrt und versucht sein kann, gibt es eine Stimme in jedem von uns, die in jedem Augenblick weiß, was gut und wahr und schön ist.
Ich habe diesen Ruf oft überhört.
Ich kenne den Moment der Irritation danach.
Ich kenne den Versuch meines Verstandes, zu rechtfertigen, was gerade passiert.
Ich kenne die Süchte, die Ablenkungsmanöver meines Systems, um den Ruf zu überhören.
Ich kenne jene tiefe Traurigkeit, wenn ich aufwache und realisiere, dass es wieder geschehen ist.
Ich kenne aber auch das Mysterium der Gnade, die es mir gestattet, mir selbst zu verzeihen und neu zu beginnen.
Ich schreibe nicht über Moral. Moral ist die Stimme des Über-ICHs.
Ich schreibe von der Integrität unserer Seele.
In der Hoffnung, dass du weißt, was ich damit meine.
Nehmen wir einmal neugierig an, dass es stimmt, was viele Menschen von ihren Nahtoderfahrungen berichten. Dann wird am Ende unseres Lebens – egal, wie der Tod uns nimmt – ein Tunnel aus Licht auf uns warten. Und in diesem Tunnel werden wir einem strahlenden, unendlich liebevollen Wesen begegnen. Es kennt uns durch und durch und es wird uns nur eine einzige Frage stellen:
„What the fuck have you done with this great life?!!“
Dieses Wesen aus Licht ist nicht die Bohne daran interessiert,
ob wir sicher durchgekommen sind,
ob wir brav waren,
oder ob wir endlich unsere erste Million zusammengekratzt haben.
Das Licht will nur wissen:
„Bist du dem Ruf treu geblieben?“
Wir müssen nicht warten, bis wir mit dem Auto gegen einen Baum fahren, um herauszufinden, ob es jenes Lichtwesen wirklich gibt. In unseren Seminaren führen wir manchmal die Teilnehmer in einer geführten Trance in diesen Tunnel. Oder wir laden sie ein, sich im Trance Tanz ihrem Tod zu stellen. Was mich daran immer wieder sehr berührt …
Selbst diejenigen, die gerade noch schlaue, intellektuelle Diskussionen darüber führten, ob es so etwas wie eine Seele oder einen Sinn des Lebens überhaupt gibt; wissen, wenn sie ihren Tod als Lehrer einladen, sofort und kristallklar, wo und wie sie in ihrem Leben den Ruf verraten haben.
Die Momente, wenn wir nicht für unsere Wahrheit aufstanden…
Die Momente, in denen wir die sichere Nummer dem Abenteuer vorzogen…
Der Trägheit nachgaben…
Die Liebe mit Gier übertönten…
Die Momente, in denen wir gern mehr geküsst, getanzt, geliebt, geachtet, gedient und geschenkt hätten…
Wenn es stimmt, was die Pioniere jener Grenzregion zwischen Leben und Tod berichten, dann ist jenes Lichtwesen kein strenger, moralischer Richter, sondern grenzenlose Liebe – alles vergebend und dennoch nüchtern auf den Punkt bringend. Keine Strafe, kein Vorwurf, sondern sanfte und gleichzeitig kompromisslose Korrektur…
„Na, hast du es wiedermal vergeigt?“ Dann gibt es einen Klapps auf deinen Licht-Hintern und es geht zurück in die nächste Runde…
Wir müssen nicht bis zum großen Ende warten, um herauszufinden, ob wir wirklich gelebt haben. Wir können dem Wesen aus Licht jeden Tag begegnen.
Es zeigt sich in unseren Augen, wenn wir still werden.
Stell dich vor den Spiegel,
ohne Makeup, ohne Getue, ohne Rollenspiele,
werde still und schau dir einfach in die Augen.
Stell dich allein vor den Spiegel.
Denn dann brauchst du niemanden zu beweisen, was du alles drauf hast.
Nur du und du.
Schau hin.
Mutig. Schlicht. Lauschen.
In deinen Augen ist alles.
Der Hunger nicht gelebten Lebens.
Die Leere der verbrannten Gier.
Die Trübheit des großen Schlafes.
Die Enge der Angst.
Die Anspannung mühsam aufrechtgehaltener Konzepte.
Aber eben auch
… die jubilierende Freude über einen Schritt ins Unbekannte,
…die Ekstase der Weite,
…die Unschuld des Staunens,
…die Erleichterung des Vergebens,
…einen Ozean der Liebe,
…die satte Gelassenheit eines Wesens im Einklang,
…der stille Frieden einer Seele, deren Ruf erhört wurde.
Der Ruf ist immer da.
Laut oder leise.
Jetzt.
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Artikel von Veit Lindau, 17.07.2010
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Tipp: Die geführte Meditations-CD “Der Sinn des Lebens”.

